Unternehmenskultur: Weicher Faktor, harte Folgen
Dienstag, 9. Okt 2007 6:03 von Wolff Horbach

Ich lese immer wieder, viele Unternehmen hätten keine Unternehmenskultur oder müssten erst eine entwickeln. Das halte ich für Quatsch:
Jedes Unternehmen hat eine Kultur, ob positiv oder negativ …
Negative Beispiele:
- Versprochene Rückrufe werden in der Regel nicht eingehalten.
- Lieferanten werden ausgequetscht.
- Fehler werden auf den Kunden abgewälzt.
Positive Beispiele:
- Kunden werden sehr freundlich und zuvorkommend bedient.
- Reklamationen werden sofort und umfassend behandelt.
- Mitarbeiter und Management gehen respektvoll miteinander um.
Eine negative Unternehmenskultur können sich in Zeiten der Globalisierung und des Internets nur Monopolisten – dazu gehören auch staatliche Einrichtungen – leisten. Kunden wissen heute besser Bescheid als je zuvor. In Nullkommanix haben sie sich im Internet informiert und verbünden sich notfalls in Windeseile mit anderen Konsumenten. Ein Unternehmen, welches durch eine obskure Firmenpolitik in die Schusslinie gerät, verliert im Sekundentakt Kunden.
Die ach so weiche Unternehmenskultur wird also zunehmend zum harten Wettbewerbsfaktor.
Aber eine positive Unternehmenskultur lässt sich weder irgendwo einkaufen noch verordnen. Sie ist Stück für Stück zu entwickeln. Sie durchströmt das gesamte Unternehmen. Sie sollte für jeden Menschen im Unternehmen, für alle Kunden, Lieferanten und sonstigen Partner deutlich spürbar sein.
Was wäre dazu besser geeignet als das Glück?
Hier schreibt

Wie man bei uns so schön sagt: “Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken!” Wenn diese Kultur nicht vom Unternehmer, von der Unternehmerin vorgelebt wird, ist alle Mühe vergebens. Hier liegt für mich der Ankerpunkt der Unternehmenskultur.
Eine positive Unternehmenskultur entwickelt sich sicher dann am besten, wenn sie von der Führung gewollt und vorgelebt wird. Die Verantwortung dafür sehe ich aber bei allen Beteiligten. Jeder sollte seinen Beitrag zu leisten.
Ein schlechte Unternehmenskultur ist schnell eingerissen: Er hat mich nicht gegrüßt, also grüße ich ihn auch nicht mehr. Das pflanzt sich dann ganz schnell fort, bis alle nur noch ruppig miteinander umgehen.
Genau so kann aber der Einzelne beginnen, freundlich und zuvorkommend zu sein. Ein Lächeln wird meistens mit einem Lächeln beantwortet.
seit nunmehr fast einem Jahr – ich glaube es begann alles nach dem Orkan Kyrill oder war es Hurricane Katrina, der New Orleans unter Wasser setzte – erleben wir ein Revival der Ökologie. Einklang mit der Umwelt ist Programm und das in fast jeder Nachrichtensendung. Neulich musste ich zu meinem Toyota-Autohändler, ja, der mit dem Prius. Mitten im Verkaufsraum stand dann auch dieses tolle Auto. Hinter dem Auto eine riesige Plakatwand mit zahlreichen Argumenten für Hybrid, und ganz wichtig, mit vielen Bildern, auf denen man mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert wurde. Als Sahnehäubchen lief auf einem in die Wand integrierten LCD-Fernseher – was das wohl kostet – der Film von Al Gore „Unbequeme Wahrheit“. … oh Gott, fühl ich mich schlecht. Darf ich noch atmen? Dabei entsteht doch auch CO2.
Ich gebe es offen zu. Ich fahre einen SUV. Zu meiner Verteidigung möchte ich allerdings darauf hinweisen, dass ich zwei kleine Kinder habe und damit Platz brauche. Außerdem habe ich einen Russpartikelfilter nachgerüstet und bin jetzt mit grüner Umweltplakette unterwegs. Naja, wobei Umweltinteressen standen bei der Nachrüstung nicht wirklich im Vordergrund, sondern vielmehr die 330 EUR staatliche Förderung, die geringere KFZ-Steuer, der höhere Wiederverkaufswert und – ganz wichtig – die freie Fahrt durch die neuen Umweltzonen. Dass ich damit auch noch was für die Umwelt tue, ist eher ein – von der Gesellschaft gewünschter und mit Steuermitteln finanzierter – Nebeneffekt. Alles in allem ist das und die intensive Pflege unseres Gartens mein ganzer Beitrag zum Thema Umweltschutz. Ich will jetzt gar nicht so labidare Dinge wie Mülltrennung oder den Einsatz von Energiesparlampen anführen.
An dieser Stelle Halt! Glauben Sie, dass ich ein Umweltsünder bin? Sind Sie vielleicht einer? Haben Sie Ihr Umweltverhalten in den letzten Monaten nicht nur überdacht sondern auch geändert und zwar aus Überzeugung? Wenn ja, dann ziehe ich meinen Hut vor Ihnen. Umwelt ist mir wichtig, daran will ich keine Zweifel aufkommen lassen, aber dieses ganze Gerede von CO2 geht mir so was von auf die Nerven. Dann aber mal extra Bleifuß als Protest gegen den Protest. So denken sicher nicht wenige. Das, was wir aber jetzt gerade zum Thema Umwelt erleben, das geforderte, weil notwendige Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit natürlichen Ressourcen, erleben viele Unternehmen wenn es darum geht, einen Kulturwandel zu bewirken, z.B. von einer Behörde zu einem kapitalmarktorientierten Unternehmen.
Hat man eigentlich den Beamten bei Post, Telekom und Bahn eine Prämie für das Nachrüsten eines Bürokratiepartikelfilters gezahlt? Scherz beiseite. In diesen Unternehmen wird seit mehreren Jahren versucht, den Mitarbeitern Kundenorientierung, effizientes Handeln usw. beizubringen. Es werden Werte definiert wie: “Qualität bestimmt unser Handeln.” “Der Kunde ist König.” … und, und. Dabei ist die Anzahl der Werte begrenzt, meist auf 5 bis max. 10 Stück. Man soll sie sich ja auch merken können. Ein prüfender Blick enthüllt schnell: Die Werte sind bei fasst jedem Unternehmen gleich. Die Berater, die die Unternehmen bei der Wertedefinition begleiten, bedienen sich scheinbar eines Floskel-Baukastens, aus dem dann in unternehmensindividueller Reihenfolge die Wertebausteine entnommen, noch etwas CI-konform angehübscht und dann in Kraft gesetzt werden. Dann folgt die obligatorische Verkündigung. „Das sind unsere Werte, lebt jetzt danach“.
Das ganze erinnert mich an Mose, der auf dem Berg Sinai von Gott die zehn Gebote (Werte) empfing, dann vom Berg abstieg und mit ansehen musste, dass sein Volk um das goldene Kalb tanzte. Ach die störrischen, dummen Israeliten. Sie wollten die zehn Gebote einfach nicht kapieren. „Du sollst nicht töten“ war einfach zu unklar. Also gab es kurz darauf das Mosaische Gesetz: Klare Ansage: Wer tötet, wird auch getötet. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Jetzt war alles klar. Kam es damit zu dem gottgewollten Kulturwandel? Nein! Das System beruhte auf Zwang.
So, nach dem Ausflug in die Geschichte zurück zu den Problemen der Unternehmen und den Unternehmenslenkern. Sie verkünden die Werte und die Mitarbeiter nehmen es zur Kenntnis. Ändert sich was? Nicht wirklich. Die bloße Ankündigung bringt nix. Es gehört auch das Vorbild der Führungskräfte dazu und ein klein bisschen Zwang, z.B. eine tantiemerelevante Zielvereinbarung zu den Unternehmenswerten. Dann müsste es funktionieren … glauben Manager und wundern sich, dass immer noch nichts passiert. Warum sind die Mitarbeiter so störrisch und dumm? Sie sind es gar nicht. Allzu oft habe ich es erlebt, dass während des Projektes oder der Projekte „Wertewandel“ – ja manchmal reicht da nicht ein Projekt – sich alle, vor allem die Führungskräfte mit Respekt begegnen, Offenheit pflegen, Mitarbeiter wertschätzen. Das ganze wird ihnen im Rahmen von Workshops beigebracht und die Führungskräfte transportieren die Botschaft an ihre Mitarbeiter weiter. Sie werden außerdem verpflichtet, Maßnahmen zur Verfestigung der Werte zu ergreifen und regelmäßige Wertereports zu erstellen. Jeder will im Verlauf des unternehmensweiten Projektes der beste Werteverkünder sein. Flügel schlagen, ohne wirklich abzuheben. Ist das Projekt vorbei, fangen die Führungskräfte wieder damit an, sich zu zerfleischen, keiner gönnt dem anderen auch nur einen Euro mehr an Budget, jeder hat Angst, Einfluss zu verlieren, jeder will seine Ziele (Kosten) erreichen. Und die Mitarbeiter sehen es und fragen sich zu Recht. „Warum soll ich mich ändern?“
„The question of culture has the capacity to annoy anyone seriously interested in the topic“ – J. Martin
Nach zwei Jahren stellt die Unternehmensführung fest, dass fast alle die Werte kennen, sich aber kaum einer daran hält. Ohne intensive Reflexion der zurückliegenden Geschehnisse oder dezidierter Ursachenanalyse für die mangelnde Akzeptanz wird ein neues Kulturwandelprojekt aus der Taufe gehoben. Das Projektschema ist jedoch fast deckungsgleich mit dem der vorangegangenen Projekte; das Ergebnis damit auch. Ich erzähle Ihnen sicherlich nichts neues, aber es muss gesagt werden. Das Werteempfinden der Mitarbeiter ist nicht nur auf das Unternehmen beschränkt. Hier handelt es sich um Menschen, nicht Maschinen. Menschen werden geprägt durch ihre Sozialisierung, durch ihr Umfeld, am meisten durch ihre Familie. Meine Familie war noch nie in ein Kulturwandelprojekt involviert. Warum eigentlich nicht? Warum wird Kulturwandel außerdem immer von oben angeordnet? Warum belohnt oder fördert das Unternehmen nicht einfach gewünschte Verhaltensweisen? Optimale Arbeitsbedingungen, Auszeichnungen wie „Mitarbeiter des Monats“, Angebot von Fortbildungmaßnahmen, Bereitstellung von Budget für den Bowlingabend der Abteilung usw. Das ist allemal billiger als ein unternehmensweites Großprojekt. Ich gebe zu, es ist aber längst nicht so öffentlichkeitswirksam.
Bei Kultur gilt das Prinzip steter Tropfen höhlt den Stein. Leider werden viel zu oft Millionen Kubikmeter Wasser innerhalb von Sekunden über den Stein gegossen. Der Stein ist für eine kurze Zeit nass, aber ein Loch? Fehlanzeige!