Schöne Bescherung: Managergehälter außer Kontrolle
Mittwoch, 26. Dez 2007 12:24 von Wolff Horbach

Weihnachten: Das Fest der Liebe, der Aussöhnung, des Friedens? Schön wäre es. Statt dessen haben wir zum Fest des Jahres eine handfeste Debatte über einen zentralen Wert unserer Gesellschaft: die soziale Gerechtigkeit.
Ein Witz zum Einstieg:
Herr Ackermann von der Deutschen Bank [Jahresgehalt 13.200.000 Euro] besucht am zweiten Weihnachtstag Herrn Wiedeking von Porsche [Jahresgehalt ca. 60.000.000 Euro]. Auf dem Weg zum Essen unterhalten sie sich über die Verwendung ihrer Gehälter und Boni:
Wiedeking zu Ackermann: “Was haben Sie denn mit Ihrem Weihnachtsgeld gemacht?” Ackermann: “Ich habe meiner Frau ein Brilliant-Armband und ein Golf-Resort in Portugal geschenkt.” Wiedeking: “Und der Rest?” “Den Rest habe ich in Aktien und Optionen angelegt.”
Ackermann zu Wiedeking: “Und was haben Sie mit dem Geld gemacht?” Wiedeking: “Ich habe den Kindern je eine Villa auf Ibiza geschenkt. Und meine Frau bekommt jetzt ihren eigenen Privatjet.” Ackermann: “Und der Rest?” “Von dem Rest kaufe ich mir eine neue Yacht und dazu eine passende Insel in der Südsee”.
Ackermann wendet sich dann an seinen Fahrer, der die beiden begleitet: “Herr Müller, was haben Sie denn mit dem Weihnachtsgeld gemacht?” Müller: “Ich habe mir einen neuen Wintermantel gekauft”. Ackermann und Wiedeking unisono: “Und der Rest?”. Müller: “Den Rest gibt die Oma dazu.”
Leider ist der Witz bei vielen Menschen bittere Realität. Er macht eines ganz deutlich: Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Und das ist sozialer Sprengstoff für unsere Gesellschaft. Die Debatte ist schon heftig entbrannt:
- Politiker fordern mehr Transparenz bei Managergehältern. Die SPD fordert neue gesetzliche Regelungen.
- Kirchenführer kritisieren Managergehälter als pervers
- BDI-Präsident Thumann fordert ein Ende der Diskussion
Ich finde, die Diskussionskultur in unserem Lande ist ziemlich auf den Hund gekommen. Meine Sicht der Dinge:
Guter Manager. Schlechte Sozialleistung. Herr Wiedeking hat in den letzten Jahren bei Porsche sicherlich einen Super-Job gemacht. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass das Unternehmen der profitabelste Autobauer der Welt ist. Aber ist das ein Grund dafür, dass Herr Wiedeking 1000mal so viel verdient wie ein guter Techniker im gleichen Unternehmen? Leistet Herr Wiedeking 1000x so viel wieder jeder seiner Mitarbeiter? 5x, 10x, 20x würde ich gelten lassen. Aber 1000x? Das ist schlicht unmöglich.
Übrigens: Ich achte Herrn Wiedekings Manager-Leistung. Aber: Die von Porsche gebauten Autos haben den höchsten CO2-Ausstoß. Wie ist da die Leistung für die Gesellschaft einzuschätzen?
Managergehälter und der Staat. Die Wirtschaft behauptet, dass Managergehälter keine Thema der Politik seien. Im Prinzip ja. Aber: Die Politik hat dafür zu sorgen, dass es in unserem Staat sozial und gerecht zugeht (Grundgesetz Artikel 20(1): Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.). Also ist es auch Aufgabe der Politik, einzugreifen und korrigierend zu wirken, wenn Dinge aus dem Ruder laufen. Einfach wie Thumann ein Ende der Diskussion zu fordern ist völlig Banane. Wir brauchen wieder ein Gefühl im Lande, dass es hier einigermaßen gerecht zugeht. Das wäre auch eine große wirtschaftliche Stärke.
Das größtmögliche Glück für die größte Zahl. Wichtige Erkenntnisse aus der Glücksforschung werden ignoriert: Wenn eine Person extrem belohnt wird, fühlen sich alle anderen benachteiligt. Die Folge: Einer ist (für eine kurze Zeit) glücklicher, viele sind unglücklicher. Das Gesamtglück in der Gesellschaft ist gesunken. Keine gute Nachricht. Ich bezweifele sogar, dass die eine Person glücklicher ist. Vielleicht für eine sehr kurze Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass Herr Wiedeking oder Herr Ackermann das viele Geld kaum genießen können, wenn sie im Lande als Raffzahn, Abzocker oder Schmarotzer betrachtet werden. Herr Wiedeking würde in meiner Achtung enorm steigen, wenn er einen Großteil des Geldes unter alle Porsche-Mitarbeiter verteilen, für eine soziale Einrichtung spenden oder vielleicht am sinnvollsten: einen Elektro-Porsche entwickeln lassen würde, der kein CO2 mehr emittiert.
Hier schreibt

Hallo Herr Horbach,
ich freue mich über die Diskussion um die Gehälter unserer “Wirschaftselite”, so auch auf Ihrer Seite. Unsere Demokratie kann nur funktionieren, wenn sie auf einem Fundament geteilter Werte beruht – und die von Ihnen aufgebrachten Fragen gehören dazu. Ein paar Anmerkungen von meiner Seite.
Die “Glücksforschung” (mir war neu, dass dies jetzt schon ein eigener Forschungszweig ist), bildet meines Erachtens nur ein Symptom ab, hinter dem die eigentlichen Ursachen und Gründe verborgen bleiben. Wenn Menschen sich schlechter fühlen, weil andere (übermäßig) belohnt werden, dann liegt dies doch daran, weil in unserer (Erziehungs-)Kultur überwiegend mit Belohung / Bestrafung gearbeitet wird (angefangen vom Kindergarten bis eben zu den Managergehältern). Solange also innere Befriedigung mit Status (=Geld / Einkommen) verwechselt wird bzw. Kinder dazu erzogen (“motiviert”) werden, für extrinsische Belohnung zu arbeiten, wird sich auch an der Belohnungsstruktur der Wirschaft nichts ändern. Die absurd hohen Managergehälter sind da doch nur ein weiterer Ausdruck dafür.
Ich würde mich freuen, wenn die Diskussion dann auch in diese Richtung weiter geführt würde – was macht Menschen denn wirklich glücklich? Doch nicht, wenn “alle das gleiche verdienen”, oder? Und natürlich ist die Spanne der Einkommen ein möglicher “sozialer Sprengstoff”, solange “Glück” mit “Geld” verwechselt wird. Glück entsteht meines Erachtens durch die bewusste Wahrnehmung meiner Bedürfnisse und dem Eindruck, etwas für deren Erfüllung tun zu können – das ist Geld ein Faktor von vielen.
Mit herzlichen Grüßen,
Markus Sikor
http://institut-sikor.blogspot.com/
Hallo Herr Sikor,
zunächst eine Anmerkung zur “Glücksforschung”. Als eigenständigen Forschungszweig kann man dies noch nicht bezeichnen. Zurzeit ist es mehr ein Sammelbegriff über die Forschungsaktivitäten in der Psychologie, der Hirnforschung und den Wirtschaftswissenschaften zu dem Thema “Was macht Menschen glücklich?”. Die Ergebnisse sind schon beachtlich. Wir können sie mit großem Nutzen für uns persönlich einsetzen und auch in Organisationen bis hin zu ganzen Nationen.
Das bedeutet bei dem Thema der Managergehälter: Es müssen nicht alle das gleiche bekommen, aber es ist für Menschen wichtig, dass ein Gefühl der Gerechtigkeit herrscht. Ich kenne jetzt keine genauen Untersuchungen darüber bis zu welchem Faktor ein Gerechtigkeitsgefühl herrscht. Ich würde persönlich die Grenze bei Faktor 20 (vom Hausmeister bis zum Vorstandsvorsitzenden) ziehen.
Gesellschaften, bei denen diese Kriterien in etwa gegeben sind, zeichnen sich durch hohe Zufriedenheit aus. Das sind z.B. die skandinavischen Länder.
Was die Steuerabgaben angeht, habe ich neulich von Untersuchungen in der Schweiz gelesen. Die allermeisten Menschen sehen sofort ein, dass Steuern wichtig sind, um das Gemeinwesen zu unterhalten. Bis 20% akzeptiert jeder ohne zu murren. Aber darüber hinaus steigt der Unmut stark an. Niemand sieht ein, die Hälfte seiner Einkommen beim Staat abzuliefern.
Generell wird dem Faktor Geld eine zu große Bedeutung für das persönliche Glück zugemessen. Von daher täten auch die Top-Manager gut daran, auf Geld zu verzichten und es für andere Zwecke einzusetzen. Um das obige Beispiel aufzugreifen: Herr Wiedeking würde sich unsterblich machen, wenn er den ersten Porsche mit Elektromotor rausbringen würde.
Wenn Sie wissen wollen, was Menschen denn wirklich glücklich macht, dann habe ich etwas für Sie: http://www.gluecksnetz.de.
Hallo Herr Horbach,
herzlichen Dank für Ihre Antwort – Sie haben da auf jeden Fall ein spannendes Gebiet für sich entdeckt! Ihr “Glücksnetz” werde ich mir gerne mal ansehen.
Ich finde die Idee, das “Glück” näher zu erforschen sehr wichtig, schließlich wünschen wir es uns alle dauernd in den verschiedensten Formen zum Geburtstag, zu Weihnachten etc.pp..
Allerdings sehe ich da bis jetzt keine klaren Strukturen, um schon Aussagen zu treffen wie “ein Steuersatz bis 20%” hält die Menschen zufrieden. Wie Sie schreiben, scheinen die Menschen in Skandinavien als recht zufrieden zu gelten, gleichzeitig ist dort die Steuerquote am Einkommen mit teilweise über 50% eine der Höchsten in Europa (s. z.B. diesen ZEIT-Artikel http://www.zeit.de/2005/36/Skandinavien-aktuel).
Es scheint also keine “einfachen Lösungen” zu geben – und dass ist auch ein Kritikpunkt, den ich an vielen Arten der “Glücksforschung” habe – sie reduzieren sich oft auf ziemlich platte “10-Punkte-wie-Sie-glücklich-werden-Listen”, die meist allein am persönlichen Verhalten ansetzen nach dem Motto “Was-muss-ich-tun/denken-um-glücklich-zu-Sein”. Natürlich ist das persönliche Verhalten bzw. die eigene Seelenhygiene eine sehr wichtige Komponente, schlussendlich “machen” wir uns alle Gefühle selbst (das physiologisch/neurologisch ja nicht anders). Gleichzeitig sind wir soziale Wesen und extrem sensibel für Stimmungen unserer Umwelt (es gibt also ein “Wir” beim Thema Glück); und dann gibt es eine strukturelle, soziale Ebene, d.h. wir Menschen haben Strukturen geschaffen, die es vielen Menschen verdammt schwer machen, auch nur die Basisbedürfnisse zu befriedigen (was sicher eine Voraussetzung für “Glück” ist, oder?).
Soweit meine Gedanken dazu. Ich freue mich über diesen Austausch und auch über weitere Anregungen – einen schönen vor-vor-vorletzten Tag im Jahr 2007 wünscht Ihnen
Markus Sikor
http://institut-sikor.blogspot.com/
Lieber Herr Sikor,
danke für den Hinweis auf den Widerspruch mit dem Steuersatz. Ich habe das nicht genau untersucht. Ich kenne nur die Zahlen aus der Schweiz. Tatsache ist, dass Dänemark und die Schweiz in den weltweiten Umfragen nach Glück und Zufriedenheit regelmäßig in der Spitzengruppe zu finden sind. In Dänemark ist es die ausgeglichene Gesellschaft eine Hauptursache, in der Schweiz die Möglichkeit der direkten Mitwirkung in der Demokratie. Beide Staaten haben schon große Teile dessen erreicht, die Richard Layard in dem Buch “Die glückliche Gesellschaft” fordert.
Sie haben Recht, dass es keine ganz einfachen Lösungen zum Glück gibt. Ich mag die zu einfach gestrickten “10-Punkte-wie-Sie-glücklich-werden-Listen” auch nicht. Im GlücksNetz habe ich 53 verschiedene Glückswege aufgezeigt und in dem Buch, welches ich gerade schreibe, werden es noch mehr sein. Und trotzdem gibt es ganze einfache Schritte, mit denen man direkt beginnen kann und die schnell Erfolge zeigen.