Glücksforschung kann helfen: Warum der Aufschwung nicht ankommt
Samstag, 7. Jun 2008 10:17 von Wolff Horbach
Seit Monaten und Wochen diskutieren Politiker aller Parteien über den Aufschwung und warum er von den meisten Bürgern offensichtlich nicht als solcher (an)erkannt wird. Auf der einen Seite können sich die Erfolge der letzten Jahre sehen lassen: starker Rückgang der Arbeitslosenzahlen, volle Auftragsbücher in vielen Branchen. Auf der anderen Seite niedrigere Löhne, stark steigende Energiepreise, Angst vor der Zukunft. Könnte es sein, dass wir an den falschen Dingen arbeiten?
Die Zeichen mehren sich, dass die alten Instrumente wie Wirtschaftswachstum und steigendes Bruttosozialprodukt ausgedient haben. Aber die meisten Ökonomen und vor allem Politiker aller Parteien versuchen immer noch mit den inzwischen stumpf gewordenen Werkzeugen zu arbeiten. Da ist es erfrischend, wenn ab und zu ein heller Kopf im Zentrum des Kapitals beginnt zu begreifen, dass wir so nicht weiterkommen. So ein heller Kopf ist m.E. Thomas Fricke, Chefökonom der Financial Times Deutschland (FTD). Er schreibt in dem bemerkenswerten Beitrag Gefühlloser Aufschwung:
Nach drei Boomjahren wundern sich Politiker wie Experten, warum die Deutschen über den Aufschwung nicht begeistert sind. Wie undankbar. Erklärungen liefert ein Ausflug in die Glücksforschung.
Die deutsche Wirtschaft dürfte 2008 zum dritten Mal in Folge um mehr als zwei Prozent wachsen. Das hat es, außer im Einheitsboom, seit den 70ern nicht gegeben. Die Arbeitslosigkeit liegt nur noch knapp über drei Millionen, und es gibt 1,5 Millionen mehr Stellen. Wahnsinn.
Nur die Deutschen scheinen das irgendwie nicht toll zu finden, wenn man nach gängigen Umfragen und dem stetig steigenden Hang zum Vorsichtssparen statt Geldausgeben geht.
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Wenn die Leute trotzdem nicht glücklicher sind, muss das noch andere Gründe haben. Neuere Erkenntnisse der Glücksforschung legen nahe, dass Menschen nur dann tatsächlich zufriedener werden, wenn das eigene Einkommen stärker steigt als das vom Nachbarn Müller – und nicht, wenn der auch mehr verdient*. Das Problem ist, dass in Deutschland in den letzten Jahren nur das Einkommen von relativ wenigen viel stärker gestiegen ist als das von Müller. Und es deshalb jetzt entsprechend viele Leute gibt, die aus derselben Logik heraus nun unglücklicher sind als vorher. Mit dem vermeintlich deutschen Hang zum Neid hat das übrigens nur wenig zu tun. So reagieren den zitierten Studien zufolge offenbar Menschen sämtlicher Nationen.
Noch fataler dürfte im aktuellen deutschen Aufschwungsdrama ein anderer Effekt sein. Bis vor Kurzem gingen Ökonomen wie Psychologen davon aus, dass persönliche Schocks wie Arbeitslosigkeit das Glücksempfinden von Menschen nur vorübergehend beeinträchtigen – wegen des vermuteten Gewöhnungseffekts. Daran lassen neuere Forschungen von Richard Lucas zweifeln. Der US-Psychologe fand bei Untersuchungen in Deutschland heraus, dass die seelischen Dauerfolgen von Arbeitslosigkeit stark unterschätzt werden. Bei Betroffenen löse der Verlust eines Jobs ähnlich drastische Glücksverluste aus wie der Tod des Ehepartners – mit dem Unterschied, dass die frühere Zufriedenheit auch Jahre später nicht wieder erreicht wird.
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Ich bin davon überzeugt, dass Fricke mit seinen Gedanken auf dem richtigen Weg ist. Aber seine Analyse ist unvollständig: Die Menschen erwarten von der Gemeinschaft, dem Staat, der Politik eine Hilfe für die Probleme, die sie alleine nicht lösen können. Statt der Hilfe bei der Abfederung gegen die Nachteile der Globalisierung erfahren die Menschen aber genau das Gegenteil: ihre Löhne werden auf ein nur schlecht erträgliches Maß abgesenkt. Statt Solidarität (wir packen alle mit an), erfahren sie eine unglaubliche Spreizung der Wohlstandsgefälles.
Wir brauchen endlich eine völlig neue Ausrichtung der Politik, wie es bereits Richard Layard in seinem Buch Die glückliche Gesellschaft gefordert hat: Der Kern der Politik sollte nicht die Maximierung von Gütern sein, sondern die Maximierung des Glücks aller Bürger. Eine solche Politik würde beispielsweise dafür sorgen, dass das Wohlstandsgefälle in der Gesellschaft nicht zu groß würde. Da können wir uns eine Menge an Dänemark abschauen. Die Dänen gehören im Gegensatz zu den Deutschen zu den glücklichsten Nationen. Das Gefühl der allermeisten Menschen, dass es in ihrem Lande gerecht zugeht und dass keiner hängen gelassen wird, trägt hauptsächlich dazu bei. Ich bin mal gespannt, welche Partei in Deutschland das als erste begreift.
Auch die Unternehmen können von den Erkenntnissen der Glücksforschung kräftig profitieren. Was für den Staat im Großen gilt, gilt für das Unternehmen im Kleinen. Wenn alle Mitarbeiter das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht und dass die Unterschiede nicht zu groß werden, dann sind auch alle bereit, mit anzupacken.
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