Das Pareto-Prinzip: oft zitiert, selten benutzt
Dienstag, 19. Aug 2008 7:48 von Wolff Horbach
Vilfredo Pareto war ein kluger Mann. Er war Ingenieur, Ökonom und Soziologe – eine seltene Mischung. Pareto wurde weltberühmt nach einer statistischen Verteilung, die seinen Namen trägt: die Pareto-Verteilung. Pareto untersuchte die Verteilung des Volksvermögens in Italien und fand heraus, dass ca. 20 % der Familien ca. 80 % des Vermögens besaßen.
Wenn man die Zahlen 20 und 80 nicht ganz so genau nimmt, ist die Pareto-Verteilung in vielen Phänomen erkennbar:
- 20 % der Produkte erwirtschaften 80 % des Gewinnes.
- 20 % der Verkäufer generieren 80 % des Umsatzes.
- 20 % der Probleme verursachen 80 % des Ärgers.
- 20 % der Krankheiten verursachen 80 % der Krankheitskosten.
- …
Aus der Pareto-Verteilung ist das Pareto-Prinzip abgeleitet: bei vielen Aufgaben lassen sich mit 20 Prozent Mitteleinsatz 80 Prozent aller Probleme lösen. Das Pareto-Prinzip – auch „80-zu-20-Regel“, „80-20-Verteilung“, “80/20-Prinzip” oder „Pareto-Effekt“ genannt – kennt fast jeder.
Das Versprechen ist äußerst attraktiv: Mit 20 Prozent Aufwand 80 Prozent des Erfolges erreichen. Aber warum wird das Pareto-Prinzip denn so wenig angewendet?
Zunächst möchte ich aber noch etwas Fachliteratur nachreichen. Das Buch von Richard Koch “Das 80/20 Prinzip: Mehr Erfolg mit weniger Aufwand” ist schon fast ein alter Klassiker. Koch beschreibt viele Anwendungsfälle des Pareto-Prinzips im Alltags- und Wirtschaftsleben. Das gipfelt mit ganzen Geschäftsmodellen: eine Firma in den USA verleiht Teppichfließen fürs Büros. 80 Prozent der Flecken finden sich auf 20 Prozent der Fließen wieder. Durch den Austausch nur relativ weniger Fließen sieht der ganze Teppich wieder wie neu aus.
Ich empfehle das Buch jedem, der sich mit dem 80/20-Prinzip näher auseinander setzen möchte. Das Buch ist sehr praxisorientiert und enthält eine Menge Tipps.
Doch zurück zu unserem Problem: Warum wird das Pareto-Prinzip so oft zitiert, aber so selten angewendet? Ein paar Erklärungsversuche:
Das Pareto-Prinzip ist nicht überall anwendbar.
Manchmal (oft?) wird das Pareto-Prinzip als universell angesehen; als anwendbar auf jedes Problem. Das ist es sicher nicht. Würden Sie sich in Hände eines Chirurgen begeben, der der Auffassung ist, dass 20 Prozent des Aufwandes ausreichen, um 80 Prozent des Operationserfolges zu sichern? Würden Sie in ein Flugzeug einsteigen, dass nach dem Pareto-Prinzip gewartet wird?
Über das Pareto-Prinzip wird zu wenig nachgedacht.
Ich bin davon überzeugt, dass die Pareto-Verteilung in noch viel mehr Dingen steckt, als wir bisher wissen oder vermuten. Gerade dort, wo Mittel knapp sind, lohnt eine Untersuchung nach der größten Wirkung mit dem kleinsten Einsatz. Breitgestreute staatliche Subventionen sind oft die reinste Verschwendung. Der konzentrierte Mitteleinsatz auf die Dinge, die die größte Wirkung erzielen, wäre viel sinnvoller.
Perfektionsstreben
Ob im privaten Bereich, in einem Unternehmen oder der öffentlichen Verwaltung: Der Versuch, etwas perfekt zu machen, kostet unglaublichen Aufwand und Mühe. Hier wäre jeweils zu prüfen, wieviel gut genug ist.
Das Pareto-Prinzip wird im Alltag oft vergessen.
Bei diesem Punkt finde ich mich oft wieder. Ich kenne das Pareto-Prinzip, habe es schon oft mit Erfolg angewendet, aber häufig erinnere ich mich während der Tagesplanung oder der Arbeit nicht mehr daran. Erst hinterher wird klar: das hätte ich aber auch viel einfacher machen können. Daher höre ich jetzt auch mit diesem Beitrag auf.
Und wie geht es Ihnen mit dem Pareto-Prinzip?
Hier schreibt

Hallo Wolff,
interessant, dass sich ein Autor mit dem Pareto-Prinzip intensiver beschäftigt hat. Ich finde das Pareto-Prinzip für alle Lebensbereiche brauchbar, in denen der Perfektionismus überhand nimmt. Ich könnte auch stundenlang Texte überarbeiten, überarbeiten. Aber ob dadurch der Nutzen größer wird? Ich denke, nein. Aus diesem Grund hat Pareto einen Zeitbegrenzer in sich. Fünf gerade sein zu lassen. Die meisten Ideen entwickeln sich recht schnell im ersten Brainstorming. Weitere Ideen benötigen Unmenge an Mehr-Zeit, die in keiner wahren Relation zum Aufwand mehr stehen. Aus diesem Grund finde ich Pareto gut und brauchbar. Sicherlich gibt es Lebensbereiche, wo 100 %ige Sicherheit und Perfektion vonnöten ist. Aber zu Auswahl dieser Lebensbereiche reichen 20 % der Zeit!
Von 0/8/15 auf 0/8/20,
Herzliche Pareto-Grüße
Heike
Hallo Heike,
es gibt ja viele Zeitmanagement-Systeme, die empfehlen, sich eher auf das Wichtige, als auf das Dringliche zu konzentrieren. Wahrscheinlich tun wir gut daran, jedem Morgen erst einmal in Ruhe zu prüfen: “Was sind die 20%, die mich 80% weiterbringen?“.
Und dann macht es Sinn, auch im Laufe des Tages immer wieder die 20/80-Frage zu stellen. Ich ertappe mich des öfteren dabei, dem Perfektionismus zu frönen.
[...] die besten Tipps aus der „4-Stunden-Woche“ auszusuchen, um diese umzusetzen, ganz im Sinne des Pareto-Prinzips, nach dem mit 20 % des Aufwands 80 % des Erfolgs bewirkt [...]
Hallo Herr Horbach,
ich sehe gerade, dass der Artikel schon mehr als ein Jahr alt ist – und immer noch aktuell. Als QMler begegne ich regelmäßig dem Pareto-Prinzip, aber ich habe auch noch nie erlebt, dass es jemals bewußt angewandt wurde (weder von mir, noch in Firmen). Mal sehen, wie sich das ändern lässt. Ihr Artikel ist jedenfalls ein Anstoß dazu.
Viele Grüße
Elke Meurer