Es ist nicht zu fassen!
Sonntag, 5. Okt 2008 22:39 von Wolff Horbach
Vor einigen Jahren habe ich Köln erlebt, dass ein ca. 14jähriges Mädchen an der Kölner Domplatte in Handschellen abgeführt wurde, weil es versucht hatte, jemanden zu beklauen. Das Phänomen waren damals die sogenannten “Klau-Kids“. Das Mädchen war offensichtlich von Verwandten losgeschickt worden, einige Touristen um ein paar Euro zu erleichtern.
Heute erlebe ich, dass Manager von Großbanken, die im Jahr viele Millionen verdienen, ganze Volkswirtschaften an den Rand einer Katastrophe bringen. Und diese Herren (ja, es sind fast ausschließlich Männer!) laufen immer noch frei herum und dürfen unbehelligt weitermachen. Noch vor drei Tagen hat der Bund – also Sie und ich als Steuerzahler – eine Milliarden-Bürgschaft für die Hypo-Real-Estate abgegeben. Jetzt fällt den angeblichen Managern ein, dass die Lücke noch 14.000.000.000 Euro größer ist, vielleicht im nächsten Jahr 50.000.000.000 Euro. Das ist wirklich nicht zu fassen!
Wieso werden diese Typen nicht sofort vor die Tür gesetzt und eingelocht?
Und gerade sitzt Michael Glos, unser Bundeswirtschaftsminister, bei Anne Will im Studio, ist reichlich blass um die Nase und wirkt völlig ratlos. Mein Gott, wäre er doch Müller in Hintertupfing geblieben! Wo sind die Krisenmanager, die wirklich den Namen verdienen?
Es ist unglaublich, dass einige Wenige mit ihrer unendlichen Gier Hunderte von Millionen Menschen in Angst und Schrecken versetzen. Leider ein großer Rückschritt in unserer Kultur.
Es war in den letzten Tagen oft die Rede davon, dass viel Geld “verbrannt” wurde. Das ist natürlich Unsinn. Es wurde kein Geld “verbrannt”. Es gehört jetzt nur anderen Leuten. Wieso werden diese Betrüger und Abzocker jetzt nicht zur Rechenschaft gezogen? Wieso werden die unermesslichen Gewinne ohne Konsequenten privatisiert und die jetzt entstandenen Verluste auf den Steuerzahler abgewälzt?
Wie gesagt: Es ist nicht zu fassen!
Hier schreibt

Ich bin grundsätzlich bei Dir, glaube aber, dass die Diskussion im Moment falsch läuft.
1. Krise in den Griff bekommen
2. In Ruhe nachdenken
3. Erforderliche Korrekturen im System vornehmen
In dieser Reihenfolge. Und bitte ohne Ideologien, die sind im Moment sowas von zweitrangig. Auch wenn das schwer fallen mag.
Übrigens exisitert Managerhaftung bereits. Weder Nahles noch Glos müssen sie neu erfinden, Anwenden reicht. Populismus ist im Moment genauso wenig hilfreich wie ideologische Grundsatzdiskussionen der Feuerwehr beim Löscheinsatz.
Von wegen Lücke: Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass man schon beim ersten Gespräch mal den letzten Halbjahresbericht der HRE (nicht so alt, 30. Juni 2008, erhältlich auf deren Homepage) gelesen hat. Dort kann man auf Seite 53 in den Punkten 30 – 32 die kurz-, mittel- und langfristigen Verbindlichkeiten der HRE nachlesen und aufsummieren. Ist ja nicht so. Die heute im Raum stehenden Zahlen aus dem Rettungspaket scheinen mir diesbezüglich “etwas knapp” kalkuliert zu sein und es fehlt die aufgrund dieser Zahlen notwendige mittelfristige Perspektive.
Erstens. Zweitens stellt sich im Moment schlicht die Frage nach der Alternative. Und die kann durch die ganzen Verflechtungen tatsächlich nicht so einfach sein, dass man die HRE einfach über die Klinge springen lässt. Eine Geldsegen in Richtung HRE ohne adäquate Gegenleistung darf allerdings auch nicht sein. Aber hey, der Staat bestimmt die Spielregeln, heute im Schatten der Finanzkrise ja an vielen anderen Baustellen, unter anderem am Grundgesetz, geschehen.
Zwei vielleicht interessante Links:
- http://www.weissgarnix.de (ein Blog, was sonst?)
- http://snurl.com/43hsn (ein kluger Kommentar bei der FTD)
Da wurden die Vorstände der KfW Detlef Leinberger und Peter Fleischer “beurlaubt” und es wird geprüft und geprüft …
Bei der HRE / DePfa gehen ebenfalls Vorstände und “legen ihr Mandat” nieder…
Für mich scheint es, dass Vorstände in der Regel keinerlei unternehmerische Verantwortung tragen. Ihre Verträge sichern ihnen über Jahre ein Gehalt und ggf. sogar noch Abfindungen zu.
Wenn dann wirklich finanziell ein Regreßanspruch erhoben wird, dann trägt das die Vermögensschaden-Haftpflicht. Die strafrechtliche Verfolgung ist sowieso eher irrelevant, denn das Risiko einer solchen geht gegen null.
Und dann wirkt der Vorstand des KfW Verwaltungsrats blass und ratlos. Hat er vielleicht vergessen, die letzte Rate seiner Vermögensschaden-Haftpflicht zu bezahlen?
Apropos Aufsichtsräte: Die kamen mir bisher bei solchen Vorkommnissen eher ohne Sicht und ziemlich ratlos vor…
@ Alexander:
Ich stimme dir bei der Reihenfolge der jetzt zu unternehmenden Handlungen voll zu. Was mich erschrickt, ist die offensichtliche Tatsache, dass das reine Lesen von Halbjahresberichten schon ausreicht, um zu besseren Erkenntnissen zu kommen, als die Dilettanten in den Ministerien.
Ich bin kein BWL- oder VWL-Spezialist. Ich habe von daher auch gar keine Lust, mich den Einzelheiten herumzuschlagen. Was aber offensichtlich in diesem System fehlt, sind negative Feedbackschleifen. Jedes System braucht zur Stabilisierung negatives Feedback. So wie der Regler an der Heizung das heiße Wasser drosselt, wenn es warm genug ist, brauchen wir im Finanzsystem Rückkopplungen, die drosseln, wenn etwas zu stark wächst. Diese Rückkopplungen und Sicherungen sind offensichtlich in den letzten Jahren ausgebaut worden. Die Mantren der “Deregulierung” und “freien Märkte” sind mächtig überzogen worden.
Ich hoffe nur, dass wir die Lage ohne großen Schaden in den Griff bekommen. Dann besteht die Hoffnung auf ein besseres System.
@ Frank:
Ich verstehe schon lange nicht mehr, wieso im Finanzsektor die Regeln so lasch sind. Und warum die Verursacher von riesigen Schäden einfach davon kommen oder gar noch mit hohen Abfindungen (wofür eigentlich?) belohnt werden. Da dreht so ein Typ bei einer Bank der Oma für ihr letztes Erspartes Derivate an, die er selbst nicht erklären kann, kassiert eine hohe Provision und wenn das ganze Geld dann weg ist, schaut die Oma in die Röhre. Der Banker darf seine Provision natürlich behalten. Und sein Chef meldet die hohen Umsätze nach oben und erhöht sein Gehalt um 40%. Ohne rot zu werden. *grrrrrrr*