Kopf schlägt Kapital
Sonntag, 26. Okt 2008 19:12 von Wolff Horbach
Prof. Günter Faltin ist in Deutschland DER Experte für Entrepreneurship. Faltin ist kein Theoretiker, sondern hat schon sehr erfolgreiche Firmen gegründet, z.B. die Teekampagne. In seinem neuen Buch “Kopf schlägt Kapital” beschreibt Faltin, was Entrepreneure von Unternehmern unterscheidet:
Ein Entrepreneur gründet ein Unternehmen. Er hat eine Idee für eine neue Art von Geschäft und gestaltet das. Ein Unternehmer betreibt ein Geschäft. Faltin unterscheidet daher sehr deutlich zwischen Entrepreneurship und Business Administration. Letzteres ist nur der laufende Betrieb eines Unternehmens und daher etwas ganz anderes als das Design eines neuen Unternehmens, dem Entrepreneurial Design.
Was im ersten Moment wie Wortklauberei aussieht, ist in Wirklichkeit extrem wichtig. Faltin möchte das Primat der Betriebswirtschaft bei der Gründung von Unternehmen abschütteln. Er legt größten Wert darauf, dass das richtige Entrepreneurial Design für den Unternehmenserfolg das Wichtigste ist. Dass ein Unternehmen Gewinn erwirtschaften muss, ist Bedingung für die Weiterführung des Unternehmens, aber nicht das Ziel.
Ich könnte mir die Rezension des Buches sehr einfach machen: Sie wollen ein eigenes Business gründen oder ein vorhandenes verbessern? Lesen Sie unbedingt dieses Buch! Wer etwas mehr erfahren will …
Faltin zeigt anhand einiger Praxisbeispiele auf, dass es heute gar nicht so schwer ist, ein Unternehmen zu gründen. Viele Komponenten sind bereits auf dem Markt vorhanden, die nur auf neuartige Weise zusammengefügt werden brauchen. Ein Paradebeispiel ist Teekampagne:
Faltin stellte auf Auslandsreisen fest, dass Tee bei uns etwa das zehnfache wie im Ursprungsland kostet. Als Ökonom wollte er dieser Riesen-Handelsspanne auf den Grund gehen. Er stellte folgende Ursachen fest:
- Ein Teegeschäft braucht eine gute Lage, um ausreichend Tee zu verkaufen.
- Damit sich das ganze lohnt, muss das Teegeschäft viele Sorten bevorraten (ca. 100 bis 150).
- Die vielen Sorten lassen keine große Lagerhaltung zu, sondern führen zu keinen Packungsgrößen (teilweise 50gr. Packungen).
- Die Lagerhaltung wird auf Groß- und Zwischenhändler verlagert.
Dies hat folgende Konsequenzen:
- Das Geschäft in guter Lage verursachte hohe Fixkosten.
- Die vielen Sorten und kleinen Packungsgrößen verursachen hohe variable Kosten.
- Insgesamt führt das zu hohen Teepreisen.
Die Teekampagne hat alle diese Nachteile in klare Vorteile verwandelt:
- Anstatt 100 bis 150 Sorten gibt es nur eine einzige: Darjeeling, die beste Sorte der Welt.
- Es gibt kein Laden-Geschäft, sondern der Tee wird über das Internet vertrieben.
- Es gibt keine kleinen Packungen, sondern nur große (500gr. und 1kg).
- Es gibt keine Zwischenhändler, sondern Teekampagne bezieht den Tee direkt aus Indien.
- Die Logistik und Verpackung übernimmt ein professioneller Dienstleister.
- Die Abwicklung erfolgt über einen professionellen, vorhandenen Internet-Shop.
- Da der Tee nur einmal im Jahr kommt (daher Kampagne), beziehen die allermeisten Kunden den Tee in einer relativ kurzen Zeitspanne. Teekampagne nutzt so das international übliche Zahlungsziel von zwei Monaten und braucht nur geringen oder gar keinen Kapitalbedarf.
Fazit: Teekampagne hat sehr geringe fixe und sehr geringe variable Kosten. Sie können den besten Tee der Welt (der “natürlich” ständig qualitätsüberwacht wird) zu einem viel günstigeren Preis anbieten als ein Teegeschäft in guter Lage in der Stadt. Auf diese Art und Weise hat Teekampagne bereits 180.000 Kunden gewonnen.
Das Buch beschreibt sehr anschaulich, wie man heutzutage ein Unternehmen aus vorhandenen Komponenten komponieren kann. Zahlreiche Praxisbeispiele und einige Checklisten machen es zu einem Standardwerk für den zukünftigen, erfolgreichen Entrepreneur.
Hier schreibt

Ein Blick auf die Website zeigt, dass auch in diesem monoartikelschen Unternehmen eine gewisse Vielfalt Platz greift: Neben dem First Flush gibt es den Second Flush, einen Gartentee, einen Grüntee und einen Selected Tea. Auch das erste Angebot in einem 250-g-Gebinde ist da. Wer möchte schon gerne wochenlang den gleichen Tee trinken —?
Sicherlich ist die Teekampagne ein Erfolg. Ich frage mich dennoch, ob das Modell auf andere Branchen oder Unternehmen übertragbar wäre. Zugegeben, auch Henry Ford war mit nur einem einzigen Modell erfolgreich. Und wenn auch Enzo Ferrari einmal auf die Frage, in welchen Farben man einen Ferrari ordern könne, antwortete: »In vielen Farben: Rosso, rouge, red …« Dennoch:
Wie weit käme ein Tischler, der nur einen einzigen Stuhl herstellt. Oder ein Marmeldenhersteller, der zwar die besten Früchte verarbeitet, dafür ausschließlich Erdbeer-Konfitüre. Oder ein Verlag mit nur einem Prachtband —
Lieber Joachim,
du hast Recht, dass die Teekampagne jetzt etwas diversifiziert hat. Aber begonnen haben sie mit einer Sorte und einer Packungsgröße. Nachdem das alles etabliert war, hat man noch etwas gestreut. Der eine Artikel ist auch nicht der Kernteil des Gründens aus Komponenten, sondern es geht um radikale Vereinfachung, das Herausarbeiten eines klaren Marktvorteiles (im Falle der Teekampagne: bester Tee zu einem günstigen Preis) und das Verwenden von vorhandenen Strukturen. Die Teekampagne lässt sich also vom Küchentisch aus steuern. Telefon und Internetanschluss reichen. Alles, was andere besser können, wird ausgelagert: Lagern, Verpackung, Versand, Web-Shop, …
Gabriele Wander, eine toughe Business Frau aus München, wurde letztes Jahr mit dem Preis “Mutmacher der Nation” ausgezeichnet, für ein Unternehmen das sehr erfolgreich arbeitet. Mit nur einem Produkt,
dem Stuhl MiShu.
Es gibt sicher noch viele andere Beispiele, aber es gäbe aus meiner Sicht als Werbeprofi sicher viele, denen ich eher eine deutliche Reduktion ihres Portfolios empfehlen würde. Die oftmals gepriesene Diversifikation bringt häufig nur Probleme mit sich und lenkt ab vom Kerngeschäft, mit dem ursächlich Profit gemacht wurde. Bestes Beispiel: VW. Der Einstieg in die Oberklasse war eine einzige Fehlentscheidung. Ein Phaeton z.B. ist kein VOLKSwagen. Auch einen Golf zum “Geländemutanten” aufzurüschen, war pekuniär ein Reinfall, wie manche andere Versuche, neue Kunden zu gewinnen.
Sicher ist ein Mono-Artikler eine Ausnahme, aber Spezialisten haben immer eine Marktchance.
LG Det Mueller
Lieber Det,
danke für den Hinweis. Ich habe Frau Wander vor zwei Jahren in Düsseldorf einmal kennen gelernt. Dabei durfte ich auch auf dem Stuhl MiShu sitzen. Sehr faszinierend und bestimmt auch sehr gesund für den Rücken!
Ob “MiShu” genau in Faltin’s Konzept passt, kann ich momentan nicht beurteilen. Es geht ja nicht primär darum, sich auf ein einziges Produkt zu konzentrieren, sondern ein Unternehmen aus Komponenten zu gründen. Im Falle “MiShu” sähe das so aus: Frau Wander hätte nur die Idee, vielleicht noch das Patent oder den Gebrauchsmusterschutz auf den Stuhl. Gefertigt würde irgendwo anders, der Vertrieb lief über das Internet und den Versand und das Inkasso würde wieder jemand anders machen. Frau Muster würde sich auf die Weiterentwicklung des Unternehmens konzentrieren. Alles andere würden andere machen: Designer, Möbelbauer, Shop-Betreiber, Logistik, …
Vielen Dank für die ausführliche Besprechung des Buchs.
Professor Faltin bietet unter www.entrepreneurship.de kostenlos weitere Texte zum Thema Entrepreneurship an. Die Aufsätze und Bücher können dort gelesen und heruntergeladen werden.
[…] dieses Urteil noch nicht reicht, der frage doch auch noch Wolff Horbach, auf seinem Faktor-G Blog. Wolff hat dort ebenfalls eine sehr ausführliche Besprechung des Buches von Faltin […]
[…] das Buch “Kopf schlägt Kapital” von Prof. Günter Faltin gelesen hat, weiß, dass es heute eine Gründung ganz anders […]
Kopf schlägt Kapital ist nun auch als ungekürztes Hörbuch erschienen und kann nun bestellt werden. http://bit.ly/d1w7mp