Hirnforschung und Meditation
Donnerstag, 27. Nov 2008 23:00 von Wolff Horbach
Vor wenigen Minuten habe ich das Buch “Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.” zu Ende gelesen. Es diskutieren: Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Matthieu Ricard, buddhistischer Mönch mit dem Background eines Molekularbiologen am Institut Pasteur in Paris.
Interessant und spannend finde ich, wie zwei Menschen aus sehr unterschiedlichen Bereichen ein Thema diskutieren: die Meditation und ihre hirnphysiologischen Bedingungen und Auswirkungen. Wolf Singer ist der weltweit anerkannter Naturwissenschaftler und Matthieu Ricard ist einer der engsten Vertrauen des Dalai Lama, der die “kontemplativen Wissenschaften” des Buddhismus vertritt. Matthieu Ricard hat den Vorzug, dass er selbst eine eindrucksvolle Karriere als Naturwissenschaftler hatte, bevor er vor ca. 40 Jahren nach Nepal ging, um die Welt aus einer anderen Sicht kennen zu lernen.
Bemerkenswert finde ich den Diskutierstil. Er ist getragen von gegenseitigem Respekt und beidseitiger Wertschätzung. Ohne Zweifel darf ich wohl sagen, dass beide befreundet sind und sich gegenseitig befruchten.
Eine einzige Passage aus dem Buch, die zudem erst auf der viertletzten Seite erscheint, veranlasst mich hier bei Faktor G über das Buch zu schreiben. Singer und Ricard diskutieren ausgiebig die Erfahrungen von meditierenden Menschen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung. Ricard betont immer wieder, wie wichtig es aus der Sicht von Buddhisten ist, positive Emotionen wie wertschätzende Liebe, Mitgefühl, Großzügigkeit, Empathie usw. in der meditativen Praxis einzuüben. Und dann kommt quasi in der abschließenden Zusammenfassung (auf Seite 130) die entscheidende Passage von Matthieu Ricard:
Ich habe in den letzten Jahren viel mit Menschen zu tun gehabt, die sich humanitär engagieren, und ich konnte wieder und wieder beobachten, daß die Hauptprobleme solcher Gruppen – Korruption, Egozentrik, Empathiemangel, Entmutigung – daher rührten, daß die menschlichen Qualitäten nicht genügend ausgereift sind.
Genau in diesem Punkt sehe ich DAS HAUPTPROBLEM vieler Organisationen: Sie versuchen durch x Trainings und (Re-)Organisationsmaßnahmen die Dinge in den Griff zu bekommen. Aber es sind immer die gleichen Menschen am Werk. Die menschlichen Qualitäten werden von den meisten Organisationen weder wahrgenommen noch geachtet. Noch schlimmer: Empathie, Güte etc. werden vielfach als Führungsschwäche ausgelegt. Gefordert sind statt dessen Härte und Durchsetzungsfähigkeit (d.h. Durchboxen der eigenen Meinung gegen alle anderen).
Das führt dann dazu, dass negative Emotionen wie Neid, Gier, Aggression, Missgunst, Misstrauen etc. zunehmen. Mit verheerenden Folgen: Es wird unglaublich viel Energie verbraten, einzelne Menschen und ganze Organisationsteile arbeiten gegeneinander statt miteinander. Die Folgen kennen wir alle: Ineffizienz, innere Kündigung, Mobbing, Stress, Burnout, Weltfinanzkrise.
Das Thema der Entwicklung der menschlichen Qualitäten für eine bessere Organisationen scheint mir so wichtig zu sein, dass ich bestimmt noch viele Male darauf zurückkommen werde.
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