Glück: die wahre Währung
Sonntag, 5. Apr 2009 17:42 von Wolff Horbach

»Ich wünschte, ich hätte mehr gearbeitet.« Können Sie sich vorstellen, dass dies die Antwort eines alten Menschen auf die Frage ist, was er in seinem Leben vermisst hat? Ich kann mir diese Antwort kaum vorstellen. Ich habe ein paar alte Menschen diese Frage gestellt. Die Antworten sahen in etwa so aus:
Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mehr verrückte Sachen auszuprobieren.
Ich habe mir zu wenig Zeit genommen, zu reisen.
Vor lauter Arbeit habe ich kaum mitbekommen, wie schnell meine Kinder groß geworden sind. Da hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen.
Das Anschaffen von Besitz hat mehr Zeit in Anspruch genommen, als es die Sache wert war.
Als Student bin ich mit ganz wenig Gepäck und sehr wenig Geld gereist. Später habe ich das leider nicht mehr getan.
Warum erkennen wir erst am Ende des Lebens, was eigentlich gut für uns ist? Warum ist uns das Geld und das Anhäufen von Besitz so wichtig? Warum überschätzen wir das Geld enorm als Währung des Lebens?
Ich habe dafür eine These: Weil wir uns über die eigentliche Währung des Lebens nicht im klaren sind. Niemand hat uns bisher darüber aufgeklärt, dass die wahre Währung des Lebens das Glück ist.
Meine große Hoffnung ist, dass jetzt in der Finanzkrise, die eigentlich eine Vertrauenskrise ist, zumindest einigen Menschen klar wird, dass wir radikal umdenken müssen. Das Bruttosozialprodukt hilft uns nicht weiter, wir brauchen einen neuen Maßstab, um unsere Politik und auch unsere persönlichen Ziele neu auszurichten. Die einseitige Fixierung auf das Geld ist ein Irrtum. Das spüren gerade Millionen Menschen ganz empfindlich. Wir brauchen eine neue Ausrichtung. Die Erkenntnisse der Glücksforschung zeigen uns den Weg.
Hier schreibt

Ich habe gerade mit einer Freundin telefoniert, mit der ich lange keinen Kontakt mehr hatte. Sie ist Mitte 50, hat erst spät ihren Mann gefunden und geheiratet. Heute ist sie ‘gut versorgt’.
Sie sagte: Ich beneide dich darum, dass du noch so viel Leidenschaft für deine Arbeit hast und noch arbeiten kannst. Manchmal ist mir – bei allem Glück – etwas langweilig…
Ich kann mir gut vorstellen, dass es in den nächsten Jahren immer mehr Menschen geben wird, die gerne mehr gearbeitet hätten.
Vielleicht bekommt damit Arbeit in Deutschland einen neuen Stellenwert… Bisher war Arbeit für viele ein Leistungsbeweis, Anerkennung und Wertschätzung. Vielleicht beginnt nun endlich die Zeit, in der sie auch eine Möglichkeit der Selbst-Gestaltung sein kann.
Danke für den tollen Artikel, Wolff! Ich bin sehr froh, dass ich es jetzt mit 22 schon verstanden habe, dass materieller Reichtum nicht glücklich macht.
Rolf Potts (Autor von mehreren Büchern über die Philosophie des Langzeitreisens) hat es wunderbar formuliert:
“In materiellem Reichtum nach Glück zu suchen ist so sinnvoll wie deprimiert zu sein, dass an einem Bananenbaum keine Mangos wachsen.”
Ich finde die Tim Ferriss’ Interpretation von Glück auch ganz interessant. Er meint, das Gegenteil von Glück sei Gleichgültigkeit und Langeweile und Glück bedeute für ihn “Excitement”. Er setzt Glück also damit gleich, Pläne und Visionen zu haben und ständig neues auszuprobieren.
@Christiane: Nach dieser Art von Glück sucht Deine Freundin wahrscheinlich auch. Sie sollte nach neuer Inspiration suchen, Projekte umsetzen, Menschen und Länder kennenlernen.
Viele Menschen setzen Arbeit gleich mit Beschäftigung, weil sie sich nie die Mühe gemacht haben rauszufinden, womit sie sich wiorklich beschäftigen möchten und was sie wirklich in Begeisterung versetzen kann.
sehr inspirierend – danke für diesen beitrag!