Zukunftsforschung: Warum hat sie in Deutschland nicht mehr Bedeutung?
Mittwoch, 8. Jul 2009 8:30 von Wolff Horbach
In den letzten Tagen habe ich mehrere Radio- und TV-Berichte gehört bzw. gesehen, bei denen es um Zukunft ging. Dabei fiel mir auf, dass der Vergangenheit oft viel mehr Bedeutung geschenkt wird, als der Zukunft. Dazu ein Beispiel:
Am Samstag gab es auf WDR5 den Ü-Wagen zum Thema “Ausverkauft?! Die Zukunft der Kaufhäuser“. Zu Gast war u.a. der Zukunftsforscher Klaus Burmeister von der Foresight Company Z_punkt. Da ich Klaus Burmeister persönlich kenne und neulich einen Vortrag von ihm zu dem Thema “Das Do-it-yourself Kaufhaus” gehört habe, habe ich mir die WDR-Sendung angehört.
Obwohl das Wort Zukunft im Titel der Sendung stand, wurde erstaunlich wenig über die Zukunft und Zukunftsforschung geredet. Dafür um so mehr über die Vergangenheit. Der Historiker Detlef Briesen hatte ausgiebig Zeit, über die Entstehung und Entwicklung der Kaufhäuser zu reden. Nette Geschichten und Anekdoten. Aber eigentlich ging es um die Zukunft.
Der Zukunftsforscher Klaus Burmeister bekam dagegen nur kurz am Ende der Sendung ein paar “Minütchen”, um das grob zu skizzieren, was die Zukunftsforschung dazu zu sagen hat. Um zu diskutieren, welche Erkenntnisse die Zukunftsforschung für die Kaufhäuser parat haben, war dann keine Zeit mehr.
Das scheint mir typisch zu sein: An jeder Uni gibt es zig Historiker, die sich ausgiebig und intensiv mit längst vergangenen Dingen in aller Ruhe beschäftigen können. Von Zukunftsforschung weit und breit keine Spur.
Täuscht mein Eindruck oder sehen Sie das auch so?
Hier schreibt

ob das mit unserer “alternden Gesellschaft” oder mit unserer viele hundert Jahre alten Kultur zu tun hat?
Schließlich beschäftigen sich alte Leute auch viel mehr mit der Vergangenheit als mit der Zukunft.
Jüngere dagegen blicken wohl eher nach vorne, entwickeln Visionen und arbeiten daran, sie zu verwirklichen.
Auf der anderen Seite leben wir heute viel länger als früher. Höchste Zeit also, das “altertümliche” Verhalten endlich abzulegen!
@ Jörg:
Interessanter Gedanke. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht.
Vielleicht hat es aber damit zu tun, dass die Vergangenheit eine scheinbare Sicherheit bietet, während die Zukunft immer ungewiss ist. Wenn etwas Altes ausgegraben wird, kann man sich schön daran festhalten. Man hat es in der Hand.
Wenn hier in Köln beim Bau eines Hauses ein Bagger auf ein paar Scherben trifft, wird die Baustelle garantiert stillgelegt und die Archäologen rücken an. Die graben dann monatelang nach Scherben, obwohl im Römisch-Germanischen Museum schon 2.000 alte Öllampen stehen. Aber wehe, es käme jemand auf die verwegene Idee, ein Museum der Zukunft zu bauen. Ein Haus, in dem die Bürger mit Zukunftsideen spielen könnten.
Hallo Herr Horbach,
ich arbeite gerade an einem Vortrag für einen Arbeitgeberverband und bin dabei auf den Faktor G gestoßen. Warum wir so wenig in die Zukunft zu schauen wagen? Möglicherweise habe uns unser Führungskräfte in den vergangenen Jahren mehr und mehr diese Aufgabe abgenommen und wir haben wir es schlicht verlernt. Bei meinen Studierenden fällt mir seit Jahren zunehmend eine Konsumhaltung auf, die zu träge zum kreativen Denken ist. Viele meiner Seminarteilnehmer sind dagegen frustriert, weil ihre Ideen nicht gehört oder als diejenigen der Führungskräfte verkauft werden. Selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten müssen viele erst wieder mühsam lernen. Erst dann werden wir wieder den Mut habe, neugierig, kreativ und mit einem Glücksgefühl in die Zukunft zu schauen.
Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit
@ Andrea:
Es könnte durchaus sein, dass diese Konsumhaltung Zukunfts-träge macht. Zukunft gestalten heißt ja aktiv werden. Ich kann mir nichts Bessers vorstellen, als an der eigenen Zukunft zu arbeiten. Die Vergangenheit ist ja nicht zu ändern. Und das Glück findet immer im HIER und JETZT statt.
@ kathi:
Was ist mit Dingen, die gerade erst entstanden sind? Sie haben keine Vergangenheit, aber möglicherweise eine Zukunft.
auch Dinge, die gerade erst “entstanden sind” haben bereits eine Vergangenheit.
@ kathi:
Die Antwort habe ich fast erwartet. Aber wir reden hier nicht über Metaphysik, sondern über praktische Dinge unseres Lebens: Die Vergangenheit ist vorüber und nicht mehr zu ändern. Oft kann man aus der Vergangenheit auch nichts lernen, sondern für die Zukunft neu denken. Um das Beispiel hier aus Köln aufzugreifen:
Was nutzt mir die Ausgrabung der 5.000ten Öllampe aus der Römerzeit? Lerne ich daraus, wie sich die Stadt in den nächsten 20 Jahren entwickeln sollte. Ich glaube nicht. Sehr viel helfen würde dagegen, zu erkennen, welche Entwicklungen es voraussichtlich in den nächsten Jahren geben wird. Das ist Zukunftsforschung. Das ist aktives Gestalten unserer Zukunft, so wie wir sie gerne hätten.
man kann die Vergangenheit nicht ändern, das ist richtig. Dass man aber aus der Besagten nichts lernen kann, halte ich fast schon für grob fahrlässig. Wie könnten Zukunftsforscher sonst erklären, warum es auf einmal so etwas wie LOHAS gibt? Oder einen Retro-Trend? Oder einen nächsten Aufschwung? Die Zukunft neu denken und gestalten ist ein schöner Gedanken. Und auch ich finde, dass diesem Thema in Deutschland zu wenig Bedeutung zugemessen wird – dafür zuviel über die Vergangenheit gedacht wird. Das Eine darf jedoch das Andere nicht ausschließen. Wenn wir dem Rückwärts- und Vorwärtsdenken eine ordentliche Prise Querdenken beimischen, sind wir auf dem richtigen Weg. Vielleicht wird dann die 5.000te Öllampe aus der Römerzeit die Vorlage für eine Produkt- oder Design-Innovation von morgen.
@ kathi:
Ich habe nicht behauptet, dass man aus der Vergangenheit gar nichts lernen kann. Ich würde auch das Nachdenken über die Vergangenheit nicht ausschließen wollen. Aber das ist eben nur eine Quelle von vielen, wenn es darum geht, neue Lösungen zu finden.
Für viele heutige Probleme gibt es überhaupt keine vergleichbaren Situationen aus der Vergangenheit: Hatte die Menschheit schon mal 7 Mrd. Menschen zu ernähren? Hatten wir schon mal die Situation, dass das Öl allmählich zu Ende geht?
Nein, diese Probleme sind völlig neuartig. Und erfordern daher auch völlig neue Lösungsansätze. Erfahrung bringt da sehr wenig.
Ich denke, wir brauchen beides: Erfahrung und neues Denken. Aber das ist mir zurzeit in Deutschland nicht ausgewogen. Wir schleppen einen Riesensack von alten Erfahrungen mit uns, die nicht mehr helfen. Und investieren viel zu wenig in neue Dinge. Ich kenne keine genauen Zahlen, aber ich könnte mir vorstellen, dass das Verhältnis von Historikern zu Zukunftsforschern 100:1 ist.
Übrigens: Ich kann dazu Otto Scharmer empfehlen: Theorie U: Von der Zukunft her führen. Mehr dazu auf seiner Website.
@ Wolf Horbach
Sehr geehrter Herr Horbach,
zunaechst ein grosses Kompliment zu Ihrem Engagement, mit dem Sie ins Feld ziehen, und meine volle Zustimmung finden.
Zu Ihrem letzten Kommentar habe ich folgende Fragen:
1. Erfahrungen sind lebensnotwendig, und Teil eines jeden
Menschen.
Sie sprechen von “neuen Denken” was genau verstehen Sie
darunter ?
2. Sie kritisieren ferner, dass wir in zu wenig “neue Dinge”
investieren – was genau meinen Sie mit “neue Dinge” und
wer soll in was investieren ?
Wenn ich Ihre Position hierzu kenne, freue ich mich auf einen spannenden Dialog. Viele Gruesse
anonymos
Anmerkung W.Horbach: Dieser Kommentar wurde auf Bitte des Kommentators nachträglich anonymisiert. Der Kommentator hatte wg. weiter unten stehender Kommentare Ärger mit seinem Arbeitgeber bekommen. 22.10.2009
@ anonymos (Anmerkung: geändert 22.10.2009, siehe Anmerkung oben)
“Neues Denken” lässt sich am besten erklären, wenn ich zunächst einmal definiere, was ich unter “altem Denken” verstehe. Altes Denken beruht auf Annahmen, die einmal stimmten, aber nicht mehr stimmig sind. Das Denken vieler Unternehmen und deren Manager beruht noch auf den alten Paradigmen, dass die Märkte unendlich und die Ressourcen unerschöpflich sind. Daraus resultieren dann Begriffe wie “Märkte eroberen”, “Marktführer” etc. Daraus leiten sich dann entsprechende Strategien und Maßnahmen ab.
Herr Schrempp war beispielsweise der Meinung, dass Größe richtig sei. Also versuchte er, aus Daimler und Chrysler einen Weltkonzern zu schmieden. Das Ergebnis kennen wir: Anstatt der erhofften Synergieeffekte gab es gigantische Verluste und eine verschlafene Zukunft.
Die Automobilindustrie ist für mich ein typisches Beispiel für altes Denken: Größer ist besser führt zu mehr Zylindern, mehr PS und mehr Blech. Das Ergebnis kennen wir: eine enorme Umweltbelastung, das Verfeuern sämtlicher Erdölreserven in wenigen Jahrzehnten, verstopfte Straßen. Ich las letztes Jahr eine Untersuchung aus Berlin. Die Durchschnittsgeschwindigkeit zum Durchqueren der Stadt ist genau so hoch wie zu Zeiten der Pferdekutsche. Das gleiche kürzlich aus NRW: Eine Untersuchung ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit auf unseren Straßen von mal gerade 31 km/h. Und trotzdem versuchen die Herren in Stuttgart, Wolfsburg und München immer noch Autos mit Hunderten von PS und Höchstgeschwindigkeiten von 250 km/h zu verkaufen.
Das ist für mich altes Denken. Es geht davon aus, dass man wie in der TV-Werbung zu sehen ist, ganz alleine auf einer einsamen Straße unterwegs ist. Eine komplette Illusion und daher in der Werbung eine arglistige Täuschung der Verbraucher.
Neues Denken wäre: Mobilität statt Auto. Das Auto ist nur noch ein Mittel, um vorwärts zu kommen. Wie können wir eine hohe und bequeme Mobilität bei geringster Umweltbelastung hinkriegen. Das sind die neuen Fragen.
Ein weiteres Beispiel für altes Denken: Reichtum ist gut. Das stimmt nur bis zu einer bestimmten Grenze. Wenn man ganz arm ist, bringt ein wenig Geld eine Menge zum persönlichen Wohlbefinden. Etwas mehr Geld steigert das Wohlbefinden. Wir haben aus diesen Anfangsbedingungen fast eine Religion gemacht. Nämlich die, dass mehr Wohlstand mehr zum persönlichen Glück beiträgt. Aber spätestens durch Easterlin wissen wir, dass Geld nur bis zu einem bestimmten Grad zum Glück beiträgt.
Altes Denken ist, immer noch im Anfangsbereich der Geld-Glück-Kurve zu verbleiben und daraus ganze Volkswirtschaften zu definieren. So sind wir wie verrückt auf Wirtschaftswachstum aus, weil wir (fälschlicherweise) davon ausgehen, dass mehr Wohlstand uns zufriedener machen würde. Unser Wohlstand ist nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute um ein vielfaches gewachsen, aber die Menschen sind durchschnittlicher nicht glücklicher als 1950. Im Gegenteil: das Glücksgefühl sind leicht und die Anzahl der Burnouts und Depressionen nimmt rasant zu.
Neues Denken wäre, die Erkenntnisse der Glücksforschung zur Kenntnis zu nehmen und daraus eine neue Form von Politik zu formulieren. Mehr Bruttonationalglück statt mehr BIP.
Zu 2.
Unter “neuen Dingen” verstehe ich Ziele und Maßnahmen zur Unterstützung des neuen Denkens. Investieren heißt: mehr Zeit aufwenden, mehr Geld dazu bereitstellen.
Zum Beispiel: Ich habe gestern das neue RömerMuseum in Xanten besucht. Eine tolles Museum. 22,5 Millionen Euro wurden investiert. Hier werden enorme Aufwände gemacht, um möglichst präzise eine 2.000 Jahre alte Geschichte festzuhalten.
Aber würde man auch soviel Geld investieren, um ein Zukunftsmuseum zu bauen? Ich glaube kaum. Bei aller Liebe für die Geschichte: Ich meine, es wäre wichtiger für uns und unsere Kinder, Zeit und Geld in Dinge zu investieren, die unser Leben positiv gestalten.
Das gleiche ist kürzlich in Deutschland mit der sogenannten Abwrackprämie geschehen: 5 Milliarden(!) sind mal ganz locker und leicht zur Stützung einer alten Technologie ausgegeben worden. Alles auf Pump. Zu Lasten der nachfolgenden Generation. Für das gleiche Geld hätte man auch in Sanierung von Schulen und in bessere Bildung investieren können.
@ Wolff Horbach
Interessant wie schnell wir vom Thema Glück zur Politik kommen…
Aber der Reihe nach. An Ihrer Definition zum “alten Denken” drängt sich mir die Frage auf – Warum kam und kommt es bereits heute wieder zu solcherlei unnatürlichen Auswüchsen, denn die ” alten Paradigmen, dass die Märkte unendlich und die Ressourcen unerschöpflich sind” finden Sie in keiner BWL Literatur.
Also – warum genau ist der Großteil der Menschen (allen voran Konzernlenker, Politiker, Beamte und andere Schauspieler) im “alten Denken” verhaftet (selbstständige Unternehmer und KMU’s ausgenommen, denn ohne “neuem Denken” würden sie keinen einzigen Tag überleben) ?
Die Ursachen sind aus rein biologischen Gründen verschieden, aber sie lassen sich auf einige wesentliche herunterbrechen, wie Machtgier, Rücksichtslosigkeit, Unethik, Lechtzen nach Anerkennung und Angst in verschiedenster Form. Hier schließt sich ein weiteres “Warum” an.
Wo entstehen solche Charakterzüge, die wider jeder Natürlichkeit, zur Ausrottung der eigenen Spezies beiträgt ?
1. in der Primärsozialosation – vor allem im Elternhaus, in dem Elter ohne zu hinterfragen (sehr bequem) das Handeln Ihrer eigenen Eltern ohne zu murren übernehmen, und nun an die eigenen Kinder weitergeben – welche Eltern wissen, welchen nachhaltigen Einfluss sie, bereits in der pränatalen Phase und über den eigenen Tod hinaus, auf die Entwicklung ihres Sprösslings haben ?
2. In der Secundärsozialisierung, vor allem in der (staatlichen)Schule, in der Beamte unterrichten, die selbst nie gelernt haben, neu zu denken, denn das stand bislang nicht auf dem Lehrplan. Wie soll dieser Beamte seinem Schüler etwas vermitteln, von dem er selbst nicht weiss, wie es geht ? Und außerdem, warum sollte er daran Interesse haben ? Die Art von neuem Denken, die Sie sich wünschen, zu der Sie aufrufen (und ich fest mit einstimme) ist dem jetzigen politischem System unerwünscht, ja sogar gefährlich, denn es könnten dann tatsächlich Menschen heranwachsen mit einem eigenen mutigem “DenkFühlHandeln” (= Ihr “neues Denken” – eigentlich ist daran garnichts neu, das hat jeder einzelne Mensch seit dem Brükkenschlag zwischen linker und rechter Gehirnhälfte – nur wurde die Entwicklung wenig gefördert, und statt dessen, der Einfachheit halber, Religionsführern, Politikern, und anderen Vorturnern jeglicher Kulör hinterher gedackelt – ausführlich nachzulesen in “Korruption – Entschlüsselung eines universellen Phänomens” von H.-W. Graf (http://www.amazon.de/Korruption-Hans-Wolff-Graf/dp/3826745442), die den heutigen, bestehen Machtstrukturen real gefährlich werden könnten.
Das gilt es auf Biegen und Brechen zu verhindern (Beispiel:
70 Jahre Schulzwang, Erfahrungen der freien Schule Woltersdorf – http://www.d-perspektive.de/aktuelles/news/article/aEURzmehr-mut-wagenaEURoe-aEUR-aEURzaktiv-demokratie-lebenaEURoe-aEUR-aEURzba14rg/nbp/1.html und http://www.freie-schule-woltersdorf.de/)
Kurzum – “wir” haben es nie gelernt mutig zu “DenkFühlHandel” (
Ihren Begriff “neues Denken” finde ich nicht stimmig 1. ist Denken ohne zu fühlen nicht möglich, 2. reicht das eigene DenkFühlen meiner Meinung nicht aus, es gilt auch dem entsprechend authentisch zu handeln )
Fazit:
1. es braucht einen Nährboden auf dem sich unsere Kinder natürlich entwickeln können
2. dafür bedarf es das Engagement jedes Einzelnen, nicht nur der Eltern, sich um die Zusammenhänge zu bemühen.
Für den Anfang sei die folgende Lektüre epfohlen.
Mit den besten Grüßen
anonymos
@ anonymos
Danke für die ausführliche Ursachenforschung. So kommen wir jetzt ganz schnell von der Politik zur Philosophie.
Ich bin davon überzeugt, dass wir einen radikalen Paradigmenwechsel brauchen. Die alten Paradigmen – permanentes Wachstum, Eroberung, hemmungslose Ressourcenausbeutung etc. – sind in einer globalisierten Welt längst an Ihre Grenzen gestoßen. Peter Sloterdijk schreibt in seinem neuen Buch “Du mußt Dein Leben ändern” von der “allgegenwärtig wachsenden Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.”
Aber was tun wir? Anstatt aus der derzeitigen Krise zu lernen, versuchen allzuviele möglichst schnell dort wieder weiterzumachen, wo sie vor der Krise aufgehört haben. Banker verscherbeln schon wieder ihre Giftpapiere und kassieren dafür unverschämte Boni. Vernünftige Ansätze, wie beispielsweise die Besteuerung von Finanztransaktionen, stehen nicht mal auf der Tagesordnung des heute beginnenden G20-Gipfels in Pittsburgh.
So ist die nächste Krise garantiert. Sie wird schneller kommen als die letzte und die Folgen werden noch schwerwiegender sein. Die Krisen werden sich so häufig wiederholen, bis die Menschen endlich kapieren, dass man nicht gegen die Regeln eines Systems verstoßen kann, ohne das System zu zerstören.
Das ist nichts Kompliziertes, sondern einfache Evolution: Wenn wir uns im System Erde unangemessen verhalten, schmeisst das System uns irgendwann raus.
Höchste Zeit also umzudenken. Wir brauchen eine heftige Diskussion auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Die zentrale Frage ist: “Wie wollen wir morgen leben?” Daraus abgeleitet werden sich neue Formen des Zusammenlebens und der (weltweiten) Kooperation ergeben (müssen). Schaffen wir es nicht, eine globale Balance zu schaffen, wird es höchst ungemütlich auf diesem Planeten.
@ Wolff Horbach
Eine Besteuerung von Finanztransaktionen halten Sie für einen vernünftigen Ansatz – warum ? Das halte ich für nicht sehr sinnvoll. Warum wollen Sie denn den Switch von einem Produkt (beispielsweise der Telekomaktie) in ein anderes Produkt (beispielsweise ein Gold ETF)besteuerrn, und damit das Nutzen von Potentialen bestrafen ?
Nein, das geht nicht in die richtige Richtung. Auf die Agenda gehört:
1. die Abschaffung der Fed und aller anderen Zentralbanken, und damit die Abschaffung der Möglichkeit in den Keller zu gehen, und immer dann neues Geld zu drücken, wenn der Politik gerade der Sinn danach steht.
2. Die Schaffung eines völlig neuen Finanzsystems. Dazu siehe folgendes Video http://www.youtube.com/watch?v=QbNmlKnyu5g und folgendes Konzept http://www.d-perspektive.de/fileadmin/download/steuerkonzept/steuer_kurz.pdf
Die Menschen werden sich so lange nicht mit den Zusammenhängen auseinandersetzen, so lange es Ihnen noch einigermassen gut geht, und der Staat für sie sorgt Das kann er sich aber nun kaum noch leisten, und der Schmerz der Menschen dürfte nach unseren Herbstwahlen dann allmählich größer werden.
Ein gesundes und natürliches Miteinander kann nur in kleinen Einheiten von Unten nach Oben funktionieren – siehe hier:
http://www.buergeranwalt.com/00-downloads/Plaedoyer%20f.%20ein%20alternatives%20Demokratie-%20u.%20Rechtskonzept%20Stand%2010-08.pdf und nicht wie bisher global von oben nach unten.
@ anonymos
Ich bin aus zwei Gründen für eine Besteuerung von Finanztransaktionen:
1. Heute werden Gelder in Milliardenhöhe oft hunderte Male am Tag hin- und hergeschoben, weil sich immer ein mimimaler Vorteil ergibt. Ein Computer erwirtschaftet damit täglich mehr Geld als ein Mensch im Laufe seines Lebens erarbeiten kann. Die automatisierten Finanztransaktionen fördern ein äußerst kurzfristiges Denken und sind damit das genaue Gegenteil von dem, was wir brauchen, nämlich Nachhaltigkeit. Es reicht schon eine minimale Steuer von 0,01% um dieses irrwitzige Verhalten uninteressanter zu machen und den Fokus mehr auf langfristige und dauerhafte Erfolge zu lenken.
2. Mit einer Finanztransaktionssteuer würden endlich die zur Kasse gebeten, die den jetzigen Schlamassel verursacht haben. Wir haben in Deutschland mittlerweile eine Staatsverschuldung von über 1.7 Billionen Euro. Und jede Stunde kommen weitere 14,4 Millionen Euro dazu. Die Finanztransaktionssteuer ist ein vorzügliches Mittel, den gewaltigen Schuldenberg abzutragen.
Sie schlagen die Abschaffung der Zentralbanken und die Schaffung eines völlig neuen Finanzsystems vor. Gestern schlug jemand in einer Radio-Diskussion gleich die Abschaffung aller Banken vor. Solche Vorschläge halte ich für völlig unrealistisch. Zumindest zurzeit. Ein Übergang von einem System zu einem völlig neuen kann auch nicht über Nacht kommen, sondern geht nur schrittweise. Ansonsten würden unsere Wirtschaftssysteme kollabieren. Mit unübersehbaren Folgen.
Eine Besteuerung der Finanztransaktionen wäre aber sofort machbar. Aber wie wir in Pittsburgh gesehen haben, trauen sich unsere Politiker noch nicht. Es gibt jedenfalls noch keine Mehrheit dafür. Wahrscheinlich brauchen wir erst noch eine zweite Krise. Leider.